++ Neue deutsche Popmusik – Schlager unter falscher Flagge?  ++

Jan Böhmermann sorgt wieder einmal mit einer aufsehenerregenden Aktion bundesweit für viel Wirbel: Anhand des Beispiels von Max Giesinger und der Echo-Verleihung rechnete er in seiner Sendung NEO Magazin Royale in brillianter und pointierter Weise mit der deutschen Musikindustrie ab, deren Produktionen mit Werbespots mehr Gemeinsamkeiten haben, als mit inspirierter Kreativität, künstlerischem Anspruch, Aussagekraft, Relevanz und Bedeutsamkeit – doch das ist erst der Anfang dieser Abrechnung.

Er eröffnet seine öffentliche Hinrichtung einer korrupten Industrie damit, in ironischer Weise zu betonen, wieso Max Giesinger Nichts mit Schlagermusik zu tun hat: „Nein, nein, denn Schlager, das ist diese seelenlose Industriemusik, dieses 08/15-mäßig produzierte Heile-Welt-Getue ohne echte Message – denn Max Giesinger, deine Musik ist so viel echter, so viel ehrlicher, so „real“, so viel deeper, sie bringt die Menschen gleichzeitig zum Nachdenken und zum Tanzen, fast wie Mathias Schweighöfer, mit seiner sehr guten neuen Platte „Lachen, Weinen, Tanzen“.“

Sehr aufmerksam betont Böhmermann, wie viele aktuelle Popsongs sich sogar in der Titelgebung gleichen und die immer selben, vermutlich nach industriellen Statistiken erfolgversprechendsten, Worte in ihren Titeln verwenden und liefert gleich eine Vielzahl von aktuellen Beispielen für die Worte: „Menschen, Leben, Tanzen und Welt“ in unzähligen Titeln industrieller Konservenmusik. Die Wiederverwurstung und kreative Entropie wird bei dieser Gegenüberstellung eindeutig.

Deshalb Böhmermanns Appell an Giesinger: „Ganz ehrlich Max. Das du Nichts verstehst, das könnte unter anderem daran liegen, dass du gar Nichts verstehen willst. Vielleicht willst du mit deiner Musik gar keine Zusammenhänge aufzeigen, oder Farbe bekennen, vielleicht willst du einfach gar Nichts. Das wär auch nicht so schlimm – aber bitte, tu dann nicht so. Es ist nämlich so, mit Max Giesinger und co. sucht die deutsche Popmusik seit Jahren ein ganz großes Revival des Schlagers unter falscher Flagge – Gefühle abklappern, Trost spenden, Tiefe vorgaukeln, Millionen erreichen und verdienen – und dabei immer schön unpolitisch und abwaschbar bleiben – das ist die Art von Musik, die wir bisher nur aus der Nachkriegszeit in Deutschland kannten!

Damals wollten Freddie Quinn und co. das Publikum von der Erinnerung an den Krieg ablenken. Es passiert so viel andere Scheisse in der Welt, dass man eigentlich jeden Tag eine Großdemo organisieren müsste, irgendwas TUN muss, aber Max Giesinger und seine Echo-nominierten Freunde sorgen dafür das die schlechte Laune nach der Tagesschau wieder ganz schnell vergessen wird. Und wir trotzdem dabei das Gefühl haben, wenn wir diese Musik hören, tun wir was ganz besonders Gutes, was Nachhaltiges, für die Welt, für uns – Biomusik. Biomusik aus industrieller Käfighaltung.

Diese leere, gute Laune, diese grundlose Gefühlduseligkeit, woher kenne ich dieses Gefühl? (Einblendung Werbespot Diebels Alt: „Ein schöööner Tag – die Welt steht still, ein schöner Tag…“)

Wir kennen es aus der Werbung! Der deutsche Pop der letzten 10 Jahre ist nichts anderes als ein einziger, gigantischer, schmalziger Werbespot.“

Hier das gesamte 22-minütige Segment aus der Sendung, mit vielen weiteren Lachern, Pointen und Spitzen gegen die Industriemusik der deutschen Musikindustrie und ihre Stangenware von 08/15 Songwritern und deren Zusammenschnitte von austauschbaren Aufnahmen, die Werbespots exakt gleichen:

Das Beste folgt jedoch am Ende des Segments, ein neuer aufsehenerregender Schachzug von Böhmermann, der viel Aufmerksamkeit und starke Resonanz in der Öffentlichkeit erzeugte. Er betont: „Auch wenn sie das jetzt denken, deutsche Poptexte mit Echogarantie sind nicht einfach nur gesungene Tweets von Bibi und Sami Slimani, nein, das sind keine ausgeleierten Werbebotschaften aus den Neunzigern oder abgegrabbelte Kalendersprüche – nein, nein, die neuen deutschen Pop-Poeten die schreiben tiefgründige Lyrics, die haben es in sich, man hört sofort, da stecken einzigartige Künstler dahinter, echte Singer / Songwriter – keine… Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo oder sowas!

Aber nicht das nachher noch raus kommt, dass sich hinter dem ganzen ewig gleichen Emotions-Echo-Gulasch der deutschen Musikindustrie in Wahrheit gar keine gefühlvollen Singer und Songwriter wie du verbergen, Max Giesinger, sondern ziemlich gefühllose Geschäftsleute. Und weil alles so schön emotional klingt, bemerkt kaum einer, was für eine seelenlose Kommerzkacke ihm da untergeschoben wird.“ Etwa wenn sowohl ein Mixer, als auch ein Staubsauger von AEG, mit prominentem Logo, in einem Musikvideo von Glasperlenspiel untergebracht werden. Schleichwerbung im Musikvideo, wie bei dem ebenfalls natürlich Echo-nominierten DJ-Duo, „Gestört aber Geil“, die gleich mehrmals und in verschiedenen Clips den Schokoriegel „Pick-Up“ in einer solchen Weise zeigen, dass sich kein Unterschied zu einem Werbeclip erkennen lässt.

Komödiantisch wird es, wenn eine Werbeagentur aus Stuttgart erläutert, warum sie etwa ein bestimmtes Auto sehr prominent in einem Videoclip von Frida Gold platziert hat: „Schlüsselszenen des visuell atemberaubenden Musikvideos zeigen ikonische Bilder eines Mercedes Benz C-Klasse Cabriolets. Die Präsenz des Fahrzeugs steht im starken Kontrast zum Rest des Videos. Das dient dazu, den inneren Konflikt der Sängerin Alina darzustellen.“ Die Szenen mit dem Wagen im Videoclip unterscheiden sich kaum von einem regulären Werbespot für eine Automarke. Zu Recht spricht Böhmermann von „Produktplatzierungen“.

Die neue deutsche Popmusik scheint, ähnlich dem Schlager, auf eine Verflachung und Berieselung der Bevölkerung abzuzielen, auf eine scheinbare Tiefe ohne Mut und eine Austauschbarkeit ohne Bedeutung. Sie soll abwaschbar und aussagelos sein, unpolitisch und ohne Farbe zu bekennen Gefühle abklappern, etwas Trost spenden und die Leute ruhig halten. Gleichzeitig dient sie als Plattform für Produktplatzierungen, bis hin zu als Musikvideo verkappten Werbespots einer geldgeilen, seelenlosen und unkreativen Industrie, die Tiefe vorgaukelt, aber nur auf Kommerz zielt, Texte nach computergenerierten Erfolgsaussichten, Musik, die unser Hirn als vorhersehbar in ihrer Melodie und damit angenehm zur Berieselung empfindet, Videoclips mit Wohlfühl-Stockfootage, die so auch in Werbespots vorkommt, so weit entfernt von echter Bedeutsamkeit und wirklicher Kunst, wie nur möglich. Berieselung. Schleichwerbung. Verblödung und Verflachung.

Jan Böhmermann kommt auch nicht umhin, einen Rechtsruck im diesjährigen Echo festzustellen, mit Frei.Wild als Jury und den Böhsen Onkelz sogar als Nominierten. Dies entspricht der Stimmung die man aktuell in Deutschland erzeugen möchte, die der AFD an die Macht verhelfen und einen Krieg mit der arabischen Welt (und potentiell Russland / China und damit Weltkrieg) ermöglichen soll, doch dazu mehr in meinen anderen Artikeln, oben in den Abschnitten „Faschismus“ und „Berlin Falsche Flagge“.

Doch nun zu Böhmermanns aufsehenerregender Aktion! Er hat selbst einen deutschen Popsong verfassen lassen. Von 5 Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo, die einen Text zufällig zusammen gestellt haben – der aus Werbebotschaften aus den 90ern, Zeilen bekannter Popsongs, Kalendersprüchen und Tweets der Youtubestars Bibi und Sami Slimani besteht. Böhmermann singt selbst, mit Giesinger-Perücke. Das Musikvideo wurde aus Stockfootage, also noch im Lager vorrätigen, beliebigen Aufnahmen, die sich für Werbung oder als Einspieler eignen, in einer halben Stunde zusammengeschnitten. Es enthält häufige Produktplatzierungen des offiziellen Getränks von Böhmermanns Sendung „Glump Alcoholcola“ – lediglich aus dramaturgischen Gründen, wie der Clip verweist „um den frischen Lebensdurst und die geschmackliche Treffsicherheit des Künstlers zu illustrieren“.

Da die Nominierung zu einem Echo ausschließlich von einem kommerziellen Erfolg abhängt, möchte Böhmermann erreichen, dass in 2018 fünf Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo, die nun auch als Texter bei der Gema angemeldet sind, einen Echo abräumen, auch um die hohe künstlerische Bedeutung dieses Preises und dieser Veranstaltung zu unterstreichen…

Und Böhmermann hat tatsächlich sogar sehr gute Aussichten. Nachdem sein Popsong „Menschen Leben Tanzen Welt“ bereits auf Platz 7 der Charts eingestiegen ist – befindet er sich nun auf Platz 1!

Hier die Botschaft der 5 Schimpansen an uns. Der Videoclip wurde in den nur 10 Tagen seit seiner Veröffentlichung bereits von 1,5 Millionen Menschen gesehen.

Die Musikindustrie tobt. Wir lachen. Nächstes Jahr werden 5 Affen den wichtigsten Preis der deutschen Industriemusik gewinnen. Und nicht die Böhsen Onkelz.

Kauft diese Single, wenn ihr diese Aktion gut findet. Aber hört ansonsten bitte wieder mehr echte Bio-Musik. Die erkennt ihr daran, dass sie natürlich gewachsen ist. Nicht in einer Fabrik. Sie stammt nicht aus einer Industrie. Sie hat etwas Echtes zu sagen und etwas Wirkliches anzubieten. Und sie versucht nicht, euch Produkte zu verkaufen.

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